Ungarn 9:0 Südkorea: Vierzig Stunden Flug, neunzig Minuten Albtraum
The 1954 WM group stage produced the most lopsided scoreline between a European power and an Asian debutant in tournament history. Hungary 9, South Korea
Veröffentlicht: June 6, 2026

# Ungarn 9-0 Südkorea: 24 Stunden Flug, 90 Minuten Albtraum
17. Juni 1954. Zürich, Schweiz. WM-Gruppenspiel. Ungarn gegen Südkorea. Falls du dir unter diesem Ergebnis nichts vorstellen kannst – 9-0 – lass uns erst einmal verstehen, wie Südkorea überhaupt hierherkam.
1954 war Südkoreas erste WM-Teilnahme überhaupt. Beachte: „Teilnahme" – nicht „Einfliegen". Die damalige südkoreanische Mannschaft musste von Seoul in die Schweiz reisen. In einer Zeit ohne Düsenflugzeuge bedeutete diese Reise mehrere Zwischenstopps, tagelanges Warten und allerlei Reisestrapazen, die du dir heute nicht mehr vorstellen kannst. Angeblich brauchten die südkoreanischen Spieler insgesamt über vierzig Stunden, um Zürich zu erreichen – vierzig Stunden im Dröhnen der Propellerflugzeuge, quer durch den asiatischen Kontinent, landend in einem Land, das die meisten von ihnen noch nie gesehen hatten. Als sie aus dem Flugzeug stiegen, waren ihre Beine noch geschwollen. Und weniger als 48 Stunden später standen sie auf dem WM-Rasen, gegenüber den Mighty Magyars – jener goldenen ungarischen Generation, die in den letzten vier Jahren kein einziges Spiel verloren hatte.
Puskás, Kocsis, Hidegkuti – diese Namen klangen für die südkoreanischen Spieler wohl unwirklicher als jedes europäische Märchen, das sie je gehört hatten. Der stärkste Gegner, dem sie in ihrer heimischen Liga gegenüberstanden, war ein anderer südkoreanischer Klub. Sie hatten noch nie jemanden wie Puskás gesehen, der mit dem linken Fuß den Ball aus dreißig Metern in den Winkel hämmern konnte. Nach dem Anpfiff gab Ungarn Südkorea keine Zeit, sich zu akklimatisieren. In der 12. Minute traf Puskás. Dann traf er wieder. Kocsis traf – nicht mit schönen Toren, sondern mit der Fähigkeit, den Ball mit jedem erdenklichen Körperteil ins Netz zu befördern. Hidegkuti – der Mann, der die Position des „hängenden Stürmers" erfunden hatte – wirbelte durch den Strafraum, und die südkoreanischen Verteidiger wussten nie, ob sie ihm folgen oder auf ihrer Position bleiben sollten.
9-0. Südkoreas Torhüter Hong Duk-young holte den Ball neunmal aus dem Netz. Angeblich saß er nach dem Spiel lange in der Kabine, ohne sein Trikot oder seine Handschuhe auszuziehen, saß einfach nur da. Ein Teamkollege kam, klopfte ihm auf die Schulter. Er hob den Kopf und sagte einen Satz – nicht auf Koreanisch, sondern auf Englisch, den er im Flugzeug gelernt hatte: „We tried."
Dieses Spiel war die bitterste Niederlage in der WM-Geschichte Südkoreas. Aber es war auch ein Anfang – von da an verbesserte sich Südkorea bei jeder WM. 2002 erreichten sie im eigenen Land das Halbfinale. 2018 schalteten sie in der Gruppenphase Deutschland aus. Das größte Comeback im asiatischen Fußball – sein erstes Kapitel wurde 1954 mit diesem 0-9 geschrieben.

